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Die Macht der Beziehung

Als ich letztes Jahr auf den Philippinen war und dort auf dem Projekt LMP (Laymen Ministries Philippines) als Lehrerin arbeitete, erlebte ich so einige Überraschungen. Ich war auf der Insel Mindoro mitten im Dschungel gelandet; der Weg zur Zivilisation war nur durch ein kleines Boot gewährt. Dieses Boot war es auch, das uns jede zweite bis dritte Woche mit Nahrung versorgte. In dem Dorf mit den kleinen Holzhütten gab es weder irgendwelche Ärzte oder Krankenschwestern, noch Supermärkte, oder andere Märkte. Die Menschen waren entweder Bauern oder Fischer, die von der Hand in den Mund lebten. 

Dort war ich also, in einem Team von insgesamt 5 Lehrern, die 6 Schulstufen unterrichteten. Ich war die einzige Studenten Missionarin, die das erste Jahr bei diesem Projekt teilnahm. Trotzdem wurde mir Neuankömmling gleich die zweite Klasse "Vorschule" übergeben, die noch kaum ein Wort Englisch sprechen konnten. Die anderen Lehrer begründeten dies damit, dass die Schüler so recht schnell englisch lernen würden. Für mich war es auf jeden Fall eine große Herausforderung. Es gab keinen Drucker, Kopierer, Internet und auch sonst nicht gerade viele Materialien außer einer welligen, zerkratzten Tafel, ein paar Tischen und Stühlen, sowie einem Regal mit einigen kleinen Heften und alten Schulbüchern, die so wertvoll waren, dass niemand etwas in sie hineinschreiben durfte. Doch eines hatte ich: Motivation zu unterrichten und liebe für die Kinder.

Schon nach den ersten paar Tagen fiel mir ein Schüler besonders auf. Er war sehr lebhaft und konnte gut mit Zahlen umgehen, jedoch störte er oft die anderen Schüler, machte seine Aufgaben ungenau, oder gab gleich auf, wenn ihm etwas zu schwer war. Stattdessen spielte er dann gleich mit Gummibändern, lag am Boden herum, oder schoss Mitschüler/innen mit selbst hergestellten Wurfgeschossen ab. Ich musste mich immer bemühen ihn zu fordern und zu beschäftigen, denn wenn er einmal im Spielmodus war, war er ziemlich stur und wollte keinesfalls wieder zurück an die Arbeit. Trotz allem, hatte ich ihn wirklich gerne, doch ich dachte, er würde mich kaum respektieren und gern haben. 

Eines Tages bemerkte ich, dass er blutige Striemen an den Knöcheln hatte. Seine ältere Schwester erzählte mir später, dass er von seiner Mutter wegen Ungehorsams bestraft worden war. Ich war schockiert. Klarerweise konnten meine Maßnahmen bei ihm keinen so großen Eindruck hinterlassen, denn er war viel schlimmeres gewohnt, dachte ich mir. Das brachte mich aber nicht davon ab, ihm mit Geduld und Liebe, aber auch Strenge zu begegnen. Damals betete ich viel für ihn. Ich schätzte ihn so ein, dass er sich um mich nicht viel kümmerte, dass die Beziehung die ich zu ihm aufgebaut hatte ihn nicht wirklich dazu bewegte, mir zu gehorchen.

An einen Tag, erinnere ich mich noch besonders gut. Wie gewohnt wuschen wir noch nach dem Unterricht die Uniform und säuberten den Campus. Die Schüler waren in Gruppen aufgeteilt und mein Schüler Excel, war in meiner Waschgruppe. Wir wuschen die Uniform, doch bei jeder Gelegenheit spritzte er die anderen Kinder mit dem Schaumwasser an. Es war wirklich nicht leicht mit ihm; leider konnte ich ihn auch nicht verstehen weil er auf der einheimischen Sprache ganz viel erzählte. Ich war mit meiner Weisheit am Ende.

Doch dann geschah es: Nach dem Waschen gingen einige Kinder und Lehrer noch schwimmen. Es war sehr lustig und mein lebhafter Schüler Excel war auch dabei. Meine Gewohnheit war es etwas raus ins Meer zu schwimmen. Dieser körperliche Ausgleich half mir für den anstrengenden Schulalltag Kraft zu schöpfen. Auch diesmal war das spielen mit den Kindern zwar schön, aber nach dem langen Schultag auch anstrengend und so beschloss ich etwas weiter hinauszuschwimmen. Als dies mein Schüler Excel bemerkte, rief er mir plötzlich zu: "Ma'am Sophie! Ma'am Sophie! Not go far! Big fish eating you!!!"

Dies berührte mich zutiefst. Excel machte sich Sorgen um mich. Ich war ihm nicht egal. Er hatte nur nicht gelernt seine wahren Gefühle auszudrücken. Er wollte mir gehorchen und ein lieber Junge sein, aber es war einfach in manchen Situationen etwas schwer für ihn, Selbstkontrolle zu haben.

Im laufe der nächsten Monate entwickelte sich eine wunderbare Atmosphäre und Beziehung zwischen uns. Auch, wenn er hin und wieder noch immer ein kleiner Schlingel war, verstand ich ihn besser. Ich merkte: Wenn ein Schüler ungehorsam ist, bedeutet dies nicht, dass er dich als Person ablehnt, sondern vielleicht einfach nur wenig Selbstkontrolle und viel Energie hat.

 

Die Macht der Beziehung - image 1 - student project