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Auf den zweiten Blick

Auf den zweiten Blick - student project

Vor einigen Jahren war ich mit der Klasse der Neuen Mittelschule wieder im Turnsaal um an unserer Beweglichkeit zu feilen. Ich hatte mich gut vorbereitet um den Kindern die Übungen abwechslungsreich und spannend anzubieten. Die Übungen kamen auch gut an und die Kinder hatten sichtlich Spaß dabei. Doch an einer Übung weigerte sich plötzlich ein Mädchen, wir wollen sie Nella nennen, mitzumachen. Grundsätzlich hatte ich kein Problem, wenn ein Schüler eine Übung nicht machen wollte, doch dieses Mal stieß mir die Reaktion von Nella etwas auf. Sie forderte mich regelrecht heraus und meinte, wer wohl auf so eine dumme Übung käme und weigerte sich lautstark mit vielen erniedrigenden Worten und einer körperlichen Haltung, die von Arroganz zeugten. Auch nach Ermutigungsversuchen schlugen mir nur abwehrende Handlungen und lautes „Herumzicken“ (auf gut österreichisch) entgegen.

„Mal wieder typisch,“ dachte ich mir. Ich kannte Nella jetzt schon 5 Jahre. Ging sie denn schon seit der ersten Schulstufe bei mir in den Unterricht. Immer wieder musste ich mit der Sturheit ihrer Mutter und ihrerseits kämpfen. Z.B. kam sie ohne Hefteinbände in die Schule, die wir noch am Vortag mit allen Schülern gemeinsam eingebunden hatten. Erklärend und fordernd taten wir die Einbände wieder gemeinsam auf die Hefte. Am nächsten Tag waren sie wieder weg. Sie erklärte mir, dass ihre Mutter die Hefteinbände immer entfernt. So fragte ich zu Hause nach. Die Mutter meinte nur, die Hefte seien ohne Einbände viel schöner. Auch meine Erklärung, dass wir gerne die Hefte einheitlich hätten, damit die Kinder sie leichter finden würden, war für sie nicht überzeugend genug. So war Nella die einzige Schülerin ohne Einbände.
Mit Aufgaben und Lernen für gewisse Leistungsbeurteilungen war es genauso. Ihre Mutter meinte, die Schule wäre nicht so wichtig, für Nella zählte mehr die Musik. So musste sie viele Konzerten geben, die Nella nicht mal mochte und hatte keine Zeit für ihre Schulausbildung. Ihre Leistungen gingen nach unten.  Auch Gespräche diesbezüglich fruchtet nicht. Nella schien, je älter sie wurde, dieses über alles erhabene Verhalten anzunehmen. Wenn ein Lehrer oder ein Mitschüler einen Fehler machte wurde er von ihr gebührend breitgetreten und belächelt.

Dies und mehr ging mir in diesem Sportunterricht durch den Kopf. Meine Geduld war am Ende. Daraufhin wies ich sie mit scharfem Ton an, sich auf den zugewiesenen Platz zu setzen. Doch plötzlich machte mich ihre nächste Reaktion etwas stutzig. Sie zögerte, sich von ihrem Standort wegzubewegen um meiner Anweisung Folge zu leisten. Dazu spiegelte sich in ihrem Gesicht ein mir fremder Ausdruck.

Ich mochte sie doch eigentlich. Hatte ich doch viele Stunden mit ihr im Auto verbracht, da wir gemeinsam zu Schule fuhren. Wir hatten doch so viele lustige und schöne Momente erlebt. Auch ihre Mutter war immer hilfsbereit. Warum ließ ich mich immer so schnell aus der Bahn werfen? Warum schaffte sie es, mich dermaßen zu ärgern?

 Plötzlich ging mir ein Licht auf: „Hast du Angst?“, fragte ich sie dann. Mit tränenerstickter Stimme gab sie zu, die Übung zu fürchten. Daraufhin ermutigte ich sie die Übung durchzuführen und sie so gut wie möglich zu sichern. Mitschüler halfen ihr Mut zu zusprechen und sie schaffte schließlich die Übung mit großer Freude.

Trotz ihrem Stolz, war Nella doch ein zerbrechliches Wesen, wie jeder andere. Es gab Dinge, die ihr Angst machten und ihre Reaktionen und ihr Verhalten kann oft missdeutet werden. Dieses Erlebnis erinnerte mich seitdem immer daran, ein zweites Mal genauer auf die vorliegende Begebenheit hinzusehen und alles Vorwissen über die Person auszublenden um klarer Sehen zu können. Vor allem aber mein Ego in Gottes Hände zu legen.