Verwirrung im Hasengehege

Verwirrung im Hasengehege - student project

Da ich seit knapp 2 Jahren wieder in Karenz bin, liegen meine Erinnerungen an Schulerlebnisse mit Kindern doch schon etwas weiter zurück. Es gab auch dort bestimmt immer wieder Situationen, in denen ich ein Kind falsch eingeschätzt habe bzw. eine Situation falsch beurteilt habe.

Auch zu Hause mit meinen drei Kids erlebe ich solche Situationen immer wieder. Aber es gibt tatsächlich ein ganz bestimmtes Erlebnis, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Der besagte Tag liegt etwa ein Jahr zurück, vielleicht schon etwas länger. Wir wohnen am Land, mitten im Grünen – unser Paradies auf Erden. So kam es, dass wir vor einiger Zeit den Schritt gewagt haben, uns Tiere anzuschaffen. Zuerst Hasen, etwas später sind wir auch Bio-Freilandeier-Hühnerbauern geworden. Emmi und Simmi lieben Tiere. Emmi, der Ältere mit damals etwa 6 Jahren, kümmert sich sehr fürsorglich um die Tiere. Dennoch hatte er an diesem Tag aus irgendeinem Grund „Hasen-Gehege-Verbot“. Und so kam es, dass Simmi plötzlich ins Haus gelaufen kam und gemeldet hat, dass Emmi im Hasengehege gewesen sei. Er hat es selbst gesehen, so seine Behauptung.

Ich hole mir also Emmi ins Haus und frage ihn, warum er sich nicht an das Hasen-Gehege-Verbot gehalten hat. Er behauptet vehement, dass er NICHT im Hasengehege war. Ich sage ihm, dass Simmi ihn aber gesehen hat! Er streitet es ab. Ich stehe zwischen den beiden. Papa kommt auch dazu und die Situation gerät außer Kontrolle. Aussage gegen Aussage.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie Emmi auf der Stiege sitzt, die ins Obergeschoß führt, und schluchzend immer und immer wieder sagt, dass er NICHT im Hasengehege war. Ich weiß beim besten Willen nicht, ob ich ihm das glauben kann. Es ist ja schließlich nicht das erste Mal, dass er nicht die Wahrheit sagt, oder zumindest nicht die ganze Wahrheit. Bestimmt habe ich auch hier erneut betont, dass man „einem Lügner nicht glaubt, selbst wenn er die Wahrheit spricht“.

Aber als ich Emmi so schluchzend und verzweifelt auf der Stiege sitzen sehe, spüre ich immer mehr in mir, dass da etwas nicht stimmen kann. Emmi würde nicht so verzweifelt weinen, wenn er tatsächlich im Unrecht wäre. Es lässt mich nicht mehr los … Irgendetwas passt hier nicht.

Ich weiß nicht mehr genau, ob Emmi dann ins Zimmer gegangen ist. Ich glaube schon. Meistens trenne ich die beiden in besonders hitzigen Situationen, damit alle wieder etwas „runter kommen“, bevor wir weitere Gespräche führen.

Und so folge ich meinem inneren Gefühl und suche noch einmal das Gespräch mit Simmi, der in diesem Fall ja der „Verpetzer“ bzw. „Berichterstatter“ war. Nach längerem genauen Nachfragen kommt die Wahrheit ans Licht: Simmi hat nicht gesehen, dass Emmi tatsächlich im Hasengehege war, sondern dass Emmi am Hasengehegeholz gesessen ist bzw. dass eines seiner Beine über das Hasengehege hineinhängt. Als Simmi Emmi so beim Hasengehege sieht, ist für ihn sofort klar, dass er tatsächlich IM Hasengehege war.

Ich spüre einerseits große Erleichterung, dass Emmi tatsächlich die Wahrheit gesagt hat, andererseits nehme ich eine immens große Traurigkeit war, weil Emmi durch dieses „Zu-Unrecht-Beschuldigt-Werden“ so viel Verzweiflung und Negativität ihm gegenüber aushalten muss.

Unmittelbar danach gehe ich zu Emmi und kläre die ganze Situation, die missverständlicherweise entstanden ist. Ich spüre, dass ihm ein Stein vom Herzen fällt, als er hört, dass Simmis Anklage vom Tisch ist, dass er nicht mehr als unschuldig Angeklagter auf der Anklagebank sitzt.

 

Was waren für mich Gründe, die zu dieser Fehleinschätzung geführt haben?

Einerseits natürlich die Aussage des jüngeren Bruders, der felsenfest davon überzeugt war, dass Emmi im Hasengehege war. Diese Information hatte großes Gewicht für mich. Andererseits aber auch das Wissen um Emmis Schwächen bzw. bereits erlebte Erlebnisse aus der Vergangenheit. So zum Beispiel ist es für mich sehr schwer, jemandem zu glauben, der mich schon einmal angelogen hat. Keinesfalls möchte ich Emmi hier als den großen Lügner schlechthin bezeichnen, das stimmt einfach nicht. Aber es gab da und dort irgendwann Mal Erlebnisse, wo mein Vertrauen in seine Worte einen Riss bekommen hat. Und dieser Riss führte in dieser Situation dazu, dass ich anfangs völlig davon überzeugt war, dass der Jüngere Recht hat.

 

Ich bin unendlich dankbar, dass sich diese Situation damals klären ließ und das Unrecht ausgeräumt wurde. Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass mir dieses Erlebnis immer wieder in Erinnerung ruft, wie schnell man sich irren kann, obwohl man selbst felsenfest davon überzeugt ist, Recht zu haben.