Reif für's Smartphone?

Wenn man an einen neuen Ort kommt, in eine neue Kultur und in ein Umfeld, das einem fremd ist, kommt es häufig vor, dass man Menschen zunächst einmal falsch einschätzt. So ging es auch mir, als ich für einen achtmonatigen Aufenthalt nach Simbabwe in ein Kinderheim ging, um dort als Volunteer zu arbeiten. Auf dem Gelände des Waisenheimes gab es auch eine Schule, auf die unter vielen anderen auch die Kinder des Heimes gingen. Eines Tages kam ein Junge, der auch im Heim wohnte, und klopfte an meine Türe. Er bat mich, mein Smartphone ausleihen zu dürfen, weil er für die Schule etwas im Internet suchen müsse. Ich wusste, dass die Kinder im Heim gar keinen oder nur sehr begrenzten Zugang zu Computern und Internet hatten und ich wollte nicht, dass dieser Junge einen Nachteil gegenüber seinen Mitschülern hätte. Ich vertraute ihm also und sagte ihm, dass er es bis zu einer bestimmten Uhrzeit haben könne. Er war einverstanden.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob er sich verspätet hatte oder ob ich einfach so schauen wollte, wo er ist und was er tut, jedenfalls fand ich ihn später an eine Hausecke gekauert, und er schaute ein Video, wie man ein bestimmtes Fluggerät baute. Er war ein handwerklich sehr geschickter Junge, sehr findig und gar nicht einer, der gerne auf der Schulbank saß. Ich kam zu ihm und er erklärte mir, wofür er diese Anleitung in der Schule brauchte. Es klang plausibel.

Doch das war nicht das letzte Mal, dass er sich mein Smartphone ausleihen wollte. Nun kam er immer wieder und ich wurde schon langsam misstrauisch. Dann eines Tages, ich hatte eine bestimmte Zeit mit ihm ausgemacht, wann ich das Handy zurückhaben wollte, verspätete er sich sehr. Ich ging auf die Suche nach ihm. Ich wusste, dass das WLAN nicht besonders weit reichte, so gab es nur einen kleinen Umkreis, in dem ich suchen musste. Und dann fand ich ihn, mit ein paar anderen Jungs in einem leeren Nebenraum der Schule, gebannt auf das Smartphone starrend. Sie schauten ein Video über Karate oder Judo. Ich bat ihn um das Handy und sagte ihm, dass das nicht in Ordnung sei, was er tat, dass ich ihm das Smartphone für einen bestimmten Zweck geliehen hatte und dass er sich nicht an die Zeitabmachung gehalten hätte. Er hatte mein Vertrauen enttäuscht und ich nahm mir vor, nicht mehr so gutgläubig zu sein. In Zukunft, wenn er mich darum fragte, das Smartphone für Schulaufgaben ausleihen zu dürfen, stellte ich sicher, dass er in meiner Nähe blieb und ich schaute immer wieder, was er sich anschaute.

Wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, dass ich diesen 13-jährigen Jungen grundsätzlich falsch eingeschätzt habe. Er war noch nicht reif genug, mit einem solchen technischen Gerät umzugehen und selbst wenn es wahr war, dass er es manchmal für die Schule brauchte, hätte ich es ihm nicht einfach so in die Hand geben sollen und ihn somit in Versuchung bringen es zu missbrauchen.