Keine Zeit für "Problemkinder"

Es war in meinem ersten Jahr nach der zweiten Karenz. Ich übernahm eine Klasse mit 4-Schulstufen in den Fächern D, Ma, Be, BSP und E. Da ich damals nichts anderes kannte, versuchte ich jede Schulstufe, nach ihren jeweiligen Schulbüchern, bestmöglich zu unterrichten und scheiterte täglich. Ich war nur damit beschäftigt von einem Tisch zum anderen zu hechten um den Kindern die Aufgaben in den Büchern zu erklären. Und dann war da noch er, ein Junge der von der Regelschule, wegen sehr auffälligem Verhalten, flog und nun in unserer Privatschule eine passendere Umgebung finden sollte. In meinem ganzen Stress mit den 4 Schulstufen und meinem eigenen Kind, dass in die 1. Klasse ging und am liebsten hätte, dass ich den ganzen Vormittag neben ihm sitze um ihm zu helfen, hatte ich keinen Blick für die wirklichen Nöte dieses Kindes. Ich hatte ihn eigentlich gerne und wir starteten jeden Tag sehr positiv, bis der Punkt kam, an dem er irgendetwas aus irgendeinem Grund nicht wollte. Dann ließ er sich auf den Boden fallen, störte seine Mitschüler oder lief einfach davon. Ich dachte er wäre einfach nicht gut erzogen und er müsse auch Aufgaben erledigen die nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Sicher hat Ersteres auch zu seinem Verhalten beigetragen, aber was ich erst gegen Ende des Schuljahres begriff, war Folgendes: Dieses Kind war hoch sensibel und hatte leicht autistische Züge. Er brauchte immer denselben Ablauf, immer das gleiche Heft für die gleiche Übung, jede kleinste Änderung warf ihn aus der Bahn und damit wollte er nicht mich ärgern sondern war einfach überfordert.

Noch dazu war ich sehr auf die Bücher fixiert, um auch ja alle Schüler ans „Ziel“ zu bringen, was bedeutete, dass sie sehr viel gesessen und geschrieben haben. Zwischendurch natürlich mit Pausen und Bewegung und auch mal Material aber aus heutiger Sicht viel zu viel Arbeit im Buch und Heft. Ich war selber sehr unglücklich über diesen Zustand, wusste aber nicht wie ich es ändern kann, ohne bei all den Schulstufen den Überblick zu verlieren. Heute würde ich mir mehr Zeit nehmen, um herauszufinden warum ein Kind sich so verhält. Auch wenn das bedeutet, dass nicht jede Seite im Buch ausgefüllt ist. Außerdem heißt es ja noch lange nicht, dass ein Lernziel auch tatsächlich erreicht wurde, nur weil eine Seite ausgefüllt ist.